Pflegebedürftige Angehörige

Willkommen im Club… Seit einer Weile gehöre auch ich zu den Menschen, die in der Zange der Doppelbelastung durch Beruf und pflegebedürftige Angehörige stecken.

Eigentlich hatte ich mich im Jahr 2018 auf das Motto „Willkommen im Club“ gefreut, denn im Sommer steht mein fünfzigster Geburtstag an und eine schöne Feier ist geplant um gebührend in den Club der fünfzigjährigen einzutreten. Doch nun bin ich auch Mitglied im Club derjenigen geworden, die einen Großteil ihrer Freizeit investieren müssen, um Dinge wie Kurzzeitpflege, häusliche Pflege, Arzttermine, Rezepte und Verordnungen, Pflegegradeinstufungen und Umbauten in der Wohnung zu organisieren. Meine beiden Eltern hat es mit diesen Entwicklungen relativ zeitgleich „erwischt“. Schon lange hatte ich nicht mehr so viele schlaflose Nächte, wie in letzter Zeit.

Inzwischen bin ich recht versiert darin, den Rollator ins Auto und aus dem Auto wieder raus zu hieven. Da ich selbst (leider) keine Kinder habe, kann ich nun ein wenig nachvollziehen, wie es frischgebackenen Eltern wohl mit ihren Kinderwägen gehen mag. Und was es bedeutet, für andere Menschen, die einem nahe stehen, mit zu organisieren und mit zu denken.

Die letzte Lebensphase ist eine harte Zeit. Doch wir rücken gerade näher zusammen. Seit meiner Kindheit hatte ich nicht mehr so einen engen Kontakt und so ein enges Verhältnis zu meinen Eltern wie jetzt. Doch es macht mich traurig zu erleben, wie hart sie sich in manchen Momenten tun. Es ist schwer, nur begrenzt da sein zu können, nur begrenzt helfen zu können. Und zeitgleich ist da das Bedürfnis, selbst auch ein Leben – ein schönes Leben – zu haben.

Viele der Babyboomer stehen gerade vor diesen Herausforderungen. Ich selbst bin im Jahr 1968 geboren, am Ende der geburtenstarken Jahrgänge. Ich verstehe mich bereits als Generation X, auch Generation Golf genannt. Viele aus meiner Jugendclique, die sich heute noch regelmäßig treffen, fuhren als erstes Auto einen Golf. Es ist was anderes, ob man nur über so ein Thema wie die Doppelbelastung durch pflegebedürftige Angehörige liest, darüber schreibt, oder wenn man selbst mitten drin steckt. Alle Emotionen, alle Herausforderungen treffen einen unerwartet, in wechselnder Heftigkeit und man hat nur wenig Kontrolle über das was geschieht.

Kann man in so einer Zeit, neben der Moderation von vielen Workshops und Seminaren noch ein Buch schreiben? Es ist schwer ins Stocken geraten in den letzten Monaten. Zum Glück ist seit einer Weile nun die Betreuung meiner Eltern durch den Pflegedienst und hilfsbereite Nachbarn gut eingespielt. Doch wenn zwei Menschen, die beide auf den Rollator angewiesen sind und im zweiten Stock ohne Fahrstuhl leben, ist klar, dass es ohne zusätzliche Unterstützung einfach nicht geht. Heute habe ich es nach vielen Wochen endlich wieder mal geschafft, ein paar Zeilen an meinem Buch zu schreiben. Wie viel Zeit ich in nächster Zeit finden werde, steht und fällt völlig damit, wie intensiv mich meine Eltern in nächster Zeit brauchen werden. Wie viel das sein wird, kann sich von einer Mintue auf die andere ändern.

Letztlich darf sich jeder von uns fragen, was in der eigenen Lebensbilanz einmal zählen wird. Wenn es mit meinem eigenen Leben einst zu Ende gehen wird, wird es nicht zählen, ob ich mein Buch im Jahr 2018, 2019 oder überhaupt jemals veröffentlicht habe. Aber es wird zählen, ob ich für meine Eltern da war, als sie mich wirklich gebraucht haben. Es wird zählen, dass ich meine Eltern liebe und mich für sie einsetze, so gut ich kann. Mein Buch kann zur Not warten. Meine Eltern können es nicht.

rk

2 Gedanken zu „Pflegebedürftige Angehörige

  1. Vielen Dank für diesen tollen und sehr berührenden Text! Es ist sicher nicht ganz einfach, sein eigenes „schönes Leben“ hinten an zu stellen. Und doch kann es gerade das sein, was dem Leben mehr Tiefe und Sinn verleiht. Ich wünsche viel Geduld und freue mich schon auf das Buch – 2018, 2019 oder 2020! LG Thomas Grenz

    • Rosemarie Konirsch

      Danke für die ermutigenden Zeilen. Ja, manchmal ist das Vordergründig angestrebte nicht wirklich das Wichtigste im Leben. Ich nehme die Herausforderungen, die das Leben mir mit dieser Situation stellt offen an und bin dankbar um jede Phase, in der alles rund und halbwegs ruhig läuft.

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